Stolpersteine in Wanheim

 
Ansprache zur Verlegung der Stolpersteine an der
Wanheimer Straße 648 am 23. Mai 2005

Die Messingsteine auf dem Bürgersteig

 
Sie war 31 Jahre jung, als man sie zusammen mit anderen Deportierten in einem polnischen Dorf in eine Holzbaracke sperrte und diese dann anzündete:

Ruth Jessel, geboren am 17. November 1911, von Nationalsozialisten ermordet am 30. September 1942.

Ihre Eltern wurden im Herbst des Jahres 1944 in Ausschwitz ermordet:
Arnold Jessel, geboren am 9. Februar 1885 und
Martha Jessel, geboren am 12. Mai 1885.
Der einzige Überlebende der Familie, Leon Jessel, vor dem Haus, in dem er mit seiner Familie gewohnt hat.
 
Leon Jessel mit der alten Nachbarin Leni Steinnacher
 

Der Kommandant des Konzentrationslagers Ausschwitz, Rudolf Ferdinand Höß hat im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess eine Erklärung abgegeben. Darin heißt es:

"Ich bin 46 Jahre alt und Mitglied der NSDAP seit 1922. Ich befehligte Ausschwitz bis zum 1. Dezember 1943 und schätze, dass mindestens 2.500.000 Opfer dort durch Vergasung und Verbrennen hingerichtet und ausgerottet wurden; mindestens eine weitere halbe Million starben durch Hunger und Krankheit, was eine Gesamtzahl von ungefähr drei Millionen Toten ausmacht. Diese Zahl stellt ungefähr 70 bis 80 Prozent aller Personen dar, die als Gefangene nach Ausschwitz geschickt wurden; die übrigen wurden ausgesucht und für Sklavenarbeit in den Industrien des Konzentrationslagers verwendet.
Die "Endlösung" der jüdischen Frage bedeutete die vollständige Ausrottung aller Juden in Europa. Ich hatte den Befehl, Ausrottungserleichterungen in Ausschwitz zu schaffen. Als ich das Vernichtungsgebäude in Ausschwitz errichtete, gebrauchte ich also Zyklon B, eine kristallisierte Blausäure, die wir in die Todeskammer durch eine kleine Öffnung einwarfen. Es dauerte drei bis fünfzehn Minuten, je nach den klimatischen Verhältnissen, um die Menschen in der Gaskammer zu töten. Wir wussten, wenn die Menschen tot waren, weil ihr Kreischen aufhörte. Wir warteten gewöhnlich eine halbe Stunde, bevor wir die Türen öffneten und die Leichen entfernten. Nachdem die Leichen fortgebracht waren, nahmen unsere Sonderkommandos die Ringe ab und zogen das Gold aus den Zähnen der Körper.
Die Art und Weise, wie wir unsere Opfer auswählten, war folgendermaßen: Zwei SS-Ärzte untersuchten die einlaufenden Gefangenentransporte. Die Gefangenen mussten bei einem der Ärzte vorbeigehen, der bei ihrem Vorbeimarsch durch Zeichen die Entscheidung fällte. Diejenigen, die zur Arbeit taugten, wurden ins Lager geschickt. Andere wurden sofort in die Vernichtungsanlagen geschickt. Kinder im zarten Alter wurden unterschiedslos vernichtet, da sie auf Grund ihrer Jugend unfähig waren zu arbeiten.
Wir bemühten uns in Ausschwitz, die Opfer zum Narren zu halten, indem wir sie glauben machten, dass sie ein Entlausungsverfahren durchzumachen hätten. Natürlich erkannten sie auch häufig unsere wahren Absichten, und wir hatten deswegen manchmal Aufruhr und Schwierigkeiten.
Wir sollten die Vernichtungen im Geheimen ausführen, aber der faule und Übelkeit erregende Gestank, der von der ununterbrochenen Körperverbrennung ausging, durchdrang die ganze Gegend, und alle Leute, die in den umliegenden Gemeinden lebten, wussten, dass in Ausschwitz Vernichtungen im Gange waren." (Max von der Grün, Wie war das eigentlich?, S. 238f)

So weit die kalten, gefühllosen Schilderungen unfassbarer Verbrechen. Diese waren von langer Hand geplant. In seinem Buch "Mein Kampf" hat Adolf Hitler bereits angekündigt, dass ein kommender Krieg die Vernichtung des Judentums in Europa bringen würde.
(von der Grün, S. 9)
Seit 1925 konnte man das lesen. Schon fünf Jahre zuvor erschien das Programm seiner Partei. Darin hieß es: "Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein."
Schon Jahre bevor die Nationalsozialisten sich an die Macht brachten, hatten sie angekündigt, was sie vorhatten. Es war ihre für jeden erkennbare Absicht, den Juden alle Rechte und schließlich auch das Leben zu nehmen.
Nur hat das die große Mehrheit der Deutschen nicht erkennen wollen und vielleicht auch gar nicht erkennen können. Denn was die Nazis nach ihrer Machtergreifung taten, war so unglaublich und unfassbar, dass man es im Voraus gar nicht für möglich halten konnte.
Manch einer hat sich am Anfang die Hände gerieben. Die Judenfeindlichkeit war im deutschen Volk, aber auch in anderen Völkern Europas weit verbreitet. Und als den Juden die Arbeit genommen wurde und dann auch Haus und alles, was sie hatten, da haben viele deutsche Landsleute sich am jüdischen Eigentum kräftig bereichert.
Hier in Wanheim übernahm 1936 ein Mann namens Fritz Hellweg das Geschäft der Familie Jessel.

Die Stolpersteine hier auf dem Bürgersteig erinnern an die Menschen, die hier gewohnt haben, denen deutsche Landsleute ihr Eigentum und schließlich das Leben genommen haben.
Sie wollen uns auch stolpern lassen über die Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit vieler Menschen, über die ungeheuerliche Menschenkälte und Menschenverachtung, die in dem Verhalten vieler Menschen den Juden gegenüber sichtbar geworden ist. Ich muss mich da auch an die eigene Nase fassen. Auch in der Kirche hat kaum jemand für die Juden den Mund aufgemacht. Einer der wenigen war der Pastor Dietrich Bonhoeffer. Er hat sinngemäß gesagt: Man darf nur Kirchenlieder singen, wenn man auch für die Juden schreit. Er hat das gleiche Schicksal erlitten, wie die Juden. Er ist von den Nazis hingerichtet worden. Außer ihm haben sich in der Kirche und im ganzen Volk nur wenige Menschen dem Völkermord an den Juden entgegen gestellt. Heinrich Hildebrand schreibt: "Nach unserer derzeitigen Kenntnis waren der Arbeiter Hermann Hütten und sein noch schulpflichtiger Sohn Friedhelm die einzigen Wanheimer Bürger, die unter Missachtung der für sie selbst damit verbundenen Gefahren der in größte Not geratenen Familie Jessel praktische Hilfe geleistet haben."
(Wanheimer Heimatgeschichte Band 3, S. 549)

Viele andere Wanheimer haben nicht mitgemacht bei den Gewaltaktionen gegen ihre jüdischen Mitbürger. Sie haben diese nicht aktiv selbst verfolgt, haben sie im örtlichen Sportverein noch an den Übungsstunden teilnehmen lassen, auch nachdem die jüdischen Sportler auf Befehl der Partei aus dem Verein ausgeschlossen wurden. Sich nicht aktiv an den Verfolgungen zu beteiligen, das war schon viel in der damaligen Zeit.

Die Stolpersteine werden in Wanheim und anderswo Steine des Anstoßes sein. Sie erinnern an die Opfer furchtbarer Verbrechen. Sie erinnern an das Schweigen der Vielen. Sie mahnen uns, wachsam und aufmerksam zu sein, wahrzunehmen, was in unserem Land geschieht. Die Politik ist auch unsere Angelegenheit. Ein unpolitisches Leben ist ein verkehrtes Leben, es öffnet dem Unrecht Tor und Tür.
Im Gedenken an die Opfer und an unsere eigene Verantwortung enthüllen wir nun die Steine.

Am Montag, den 23. Mai, werden um 15 Uhr auf der Wanheimer Straße drei "Stolpersteine" verlegt zum Gedenken an Arnold, Martha und Ruth Jessel.
Arnold Jessel, 1885 geboren, eröffnete 1912 zusammen mit seiner Frau Martha Jessel ein Bekleidungsgeschäft in Wanheim. Seit 1919 war das Geschäft an der Wanheimer Straße 648 ansässig.
Das "Haus Jessel" galt in Wanheim als gute Adresse. Jessel war auch Mitglied mehrerer Vereine. Nach der Machtübernahme durch die Nazis und den von ihnen erlassenen anti-jüdischen Gesetzen mussten die Vereine alle Juden ausschließen. Der Wanheimer Turnverein hat daraufhin die Namen der Jessel-Kinder Ruth und Leon gelöscht, ihnen jedoch die weitere Teilnahme an den Übungsstunden ermöglicht.
Nationalsozialisten aus Hüttenheim verwüsteten in der Nacht vom 19. auf den 20. November 1935 die Geschäftsräume des Hauses Jessel. Die Eheleute Jessel flohen mit ihrer Tochter zu Verwandten nach Kaiserswerth. Leon gelang es im Februar 1939, nach mehreren Verhaftungen und einer Inhaftierung im KZ Buchenwald Deutschland zu verlassen.
Das "Haus Jessel" in Wanheim übernahm 1936 ein nicht-jüdischer Geschäftsmann und eröffnete es neu als "Fritz Hellweg Kaufhaus".
Ruth Jessel wurde 1942 nach Lublin deportiert. Dort sperrten SS-Leute sie in einer Holzbaracke ein, um alle dort eingeschlossenen Menschen mit der Baracke zu verbrennen. Ruth war 31 Jahre alt, als Nazi-Verbrecher sie ermordeten.
Arnold und Martha Jessel wurden am 25. Juli 1942 in das KZ Theresienstadt und von dort am 15. Mai 1944 nach Auschwitz gebracht, wo sie das Schicksal von 2.500.000 Menschen in Auschwitz teilten: Sie wurden wie ihre Tochter ermordet.
(Die Angaben sind dem 3. Band der Heimatgeschichte von Heinrich Hilde-brand entnommen. Der Bericht, zu finden auf den Seiten 544 bis 549 folgt hier im Wortlaut.)


Das Schicksal der jüdischen Familie Jessel

Die heute über 70-jährigen in Wanheim geborenen und zumindest bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs dort verbliebenen Bürger werden sich noch, je nach Alter mehr oder weniger intensiv, an das Bekleidungsgeschäft des Juden Arnold Jessel erinnern. Es dürfte ihnen auch bekannt sein, dass Arnold Jessel, seine Ehefrau Martha und seine Tochter Ruth in Vernichtungslagern der SS den Tod gefunden haben.
Über die historischen Entwicklungen, die diesem Geschehen vorausgingen, möge man sich in der einschlägigen Literatur, z.B. der von Dr. von Roden verfassten "Geschichte der Duisburger Juden" informieren. Wir beschränken uns hier auf die Darstellung einiger darin beschriebener Vorgänge, die zeigen sollen, wie sich nach der "Machtübernahme" der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 auch in Duisburg das Verhältnis der Bevölkerung zu den Juden schlagartig veränderte. Wie v. Roden schrieb, begann das rücksichtslose und brutale Vorgehen gegen die Duisburger Juden, soweit den Quellen zu entnehmen war, am 22. Februar 1933.
Im Laufe des gesamten Jahres 1933 kam es in Duisburg immer wieder zu Übergriffen gegen jüdische Geschäftsleute und Persönlichkeiten, die zumeist von der Polizei bagatellisiert oder falsch dargestellt und juristisch nicht geahndet wurden.
Am 31. März 1933 nahm der Rat der Stadt folgenden Dringlichkeitsantrag der Fraktion der NSDAP an:
Die Stadtverwaltung wird ersucht, ab heute ihren Beamten, Angestellten und Arbeitern unter Androhung der Entlassung bzw. des Disziplinarverfahrens zu untersagen, in jüdischen Geschäften bis auf weiteres Einkäufe zu tätigen oder jüdische Rechtsanwälte und Ärzte in Anspruch zu nehmen.
Wenn auch die gesetzlichen Bestimmungen z. Zt. eine Handhabe im Sinne des Antrages nicht geben, so erachte ich es doch für selbstverständlich, daß die Beamten-, Angestellten-, Arbeiter- und Lehrerschaft den Abwehrkampf der Reichsregierung gegen die ausländische Greuelhetze im Sinne des Antrages unterstützt. Diese Verfügung ist sofort sämtlichen Beamten, Angestellten, Arbeitern und Lehrern bekanntzugeben.


Der Oberbürgermeister


Die den Rat nach gewaltsamer Verdrängung der KPD-Ratsherren beherrschende NSDAP/DNVP-Fraktion hatte demnach bereits im März 1933 die Macht, einen Mehrheitsbeschluss durchzusetzen, für den eine gesetzliche Handhabe überhaupt nicht bestand. Der damalige (Noch-) Oberbürgermeister Karl Jarres wie auch die sich der Stimme enthaltende Zentrumsfraktion konnten die Annahme dieses Beschlusses nicht verhindern.
Diese in ähnlicher Form im gesamten Reichsgebiet eingeführte Verfügung wurde im September 1933 wegen ihrer negativen Auswirkungen auf die Volkswirtschaft zwar wieder außer Kraft gesetzt, im September 1935 - nach Festigung des nationalsozialistischen Regimes -jedoch endgültig zur rigorosen Durchführung gebracht. Am 8. September 1935 versandte die Kreisleitung der Duisburger NSDAP an ihre Ortsgruppen ein Verzeichnis aller in Duisburg bestehenden jüdischen Geschäfte, das u.a. folgende Eintragung enthielt "Jessel, Arnold, Kurz-Weiß-Wollwaren, Ehinger Straße 248".
Einen der "legalen" Rahmen zur Diskriminierung der Juden in Deutschland bildeten die berüchtigten "Nürnberger Gesetze", die anlässlich des "Reichsparteitags der Freiheit" am 15. September 1935 vom nach Nürnberg einberufenen Reichstag angenommen wurden. Von da an waren die Juden das "Freiwild" der Öffentlichkeit.


Leon Jessel

Die Familie Jessel

Die folgenden Ausführungen stellen eine Zusammenfassung dar der Angaben
- in der "Geschichte der Duisburger Juden" von Günter von Roden
- des Archivs der Stadt Duisburg,
- von Herrn Leon Jessel aus Walsall, England,
- von Herrn Friedhelm Hütten, USA,
- und von älteren Wanheimer Bürgerinnen und Bürgern.

Arnold Jessel wurde am 9. Februar 1885 in Weilburg geboren. 1903 und 1909 hat er sich vorübergehend in Duisburg und in Wanheim aufgehalten. Nach seiner Vermählung mit Martha Wolf, geb. am 12. Mai 1885 in Kaiserswerth, eröffnete er 1912 in Wanheim, Ehinger Straße 358, ein Herrenbekleidungs- und Manufakturwarengeschäft. (Das inzwischen abgerissene Haus stand auf der Westseite der Ehinger Straße etwa gegenüber der Mitte der Häuserzeile zwischen dem Wanheimer Hochbunker und der Ecke Ehinger Straße/Steinbrinkstraße.)
1919 verlegte er sein Geschäft in das Haus "Ehinger Straße 248" (1990: Wanheimer Straße 648), in dem die Familie bis zur gewaltsamen Zerstörung der Geschäftsräume im November 1935 wohnte. Das Duisburger Adressbuch des Jahres 1937 enthält jedoch noch folgende Eintragungen:
Im Namensverzeichnis: "Arnold Jessel, Manufakturwaren, Ehinger Straße 248"; im Straßenverzeichnis: "Ehinger Straße 248, Fritz Hellweg, Kaufhaus". Die Angaben im Namensverzeichnis sind nachweislich falsch, die im Straßenverzeichnis sind nachweislich richtig. Fritz Hellweg hatte 1936 Geschäftsräume und -brauche im Hause Ehinger Straße 248 übernommen.


Das Ehepaar Jessel hatte drei Kinder:

Ruth, geb. 17. November 1911 in Düren,
Edith, geb. 3. Oktober 1913 in Wanheim,
gest. 20. Mai 1917, beerdigt in Kaiserswerth, Leon(hard), geb. 25. Juni 1918 in Wanheim.
Arnold Jessel hat von 1915 bis 1918 als deutscher Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen.
Im Urteil der älteren Wanheimer Bürger war das "Haus Jessel" gut angesehen. Alle Befragten stimmten darin überein, dass Arnold Jessel sich alljährlich durch Kleider- und sonstige freiwillige Sachspenden an Bedürftige oder an Schulen und Kindergärten besonders hervorgetan hat. Jessel war auch Mitglied mehrerer Vereine. 1933 mussten jedoch alle Mitgliedschaften aufgelöst werden. Im Mitgliederverzeichnis des MGV "Sängerbund" 1871 Wanheim ist der Name Jessel bis einschl. 1932 enthalten. Johann Hütten vom TV 1900 Wanheim berichtete, dass auch der Turnverein zur Aufhebung der Mitgliedschaft aufgefordert worden war. Der Verein habe daraufhin zwar die Namenseintragung gelöscht, den Kindern Ruth und Leon aber die weitere praktische Teilnahme an den Übungen so lange, wie es ging, ermöglicht. Leon Jessel hat diese Angaben am 15. Mai 1990 anlässlich seines Besuchs in Wanheim bestätigt.
Die ersten Belästigungen der Familie setzten schon kurz nach dem 30. Januar 1933 ein. Sie waren u.a. dadurch gekennzeichnet, dass uniformierte Mitglieder der NSDAP sich in provozierender Weise in der Nähe des Geschäfts aufhielten und Geschäftsbesucher fotografierten.
Es wird ebenfalls berichtet, dass auch Wanheimer Bürger bereits 1933 Arnold Jessel ihre Freundschaft aufgekündigt haben. Der 14jährige Sohn Leon wurde am 1. April 1933 erstmals verhaftet. Nach seinen Angaben sind die Geschäftsräume seiner Eltern in der Nacht vom 19. auf den 20. November 1935 (der 20. November war Buß- und Bettag) verwüstet worden. Nach unseren Untersuchungen hat keine der damals in Duisburg erscheinenden Zeitungen über diesen Vorfall berichtet. Nach übereinstimmenden Angaben von Herrn Leon Jessel und Wanheimer Bürgern sollen Nationalsozialisten aus Hüttenheim an der Zerstörung der Geschäftsräume beteiligt gewesen sein.
Unmittelbar nach diesem Vorfall hat sich das Ehepaar Jessel mit Tochter Ruth zu den Eltern von Frau Jessel nach Kaiserswerth begeben, von wo sie jedoch nach Duisburg zurückkehren mussten, weil Juden ihren Wohnort nicht verlassen durften. Bis 1939 wohnten sie in Duisburg, Lippestr. 18. Das Duisburger Adressbuch von 1939 enthält dazu folgenden Vermerk: "Jessel, Arnold Israel, Lippestr. 18". (Die Nationalsozialisten hatten die männlichen Juden mit dem Zusatz "Israel", die weiblichen mit dem Zusatz "Sara" zu ihrem Vornamen besonders gekennzeichnet.) Eine in diesem Haus auf derselben Etage wohnende Duisburgerin berichtete in einem Schreiben an das Archiv der Stadt, dass das Ehepaar Jessel zuweilen nachts das Haus verlassen hat: offensichtlich aus Angst vor weiteren Belästigungen. Dazu könnten glaubhafte Überlieferungen aus Wanheim passen, die davon berichten, dass Herr Jessel im Schutz der Dunkelheit ehemalige und ihm zuverlässig erscheinende Wanheimer Kunden aufgesucht hat, um ihnen Restbestände aus seinem Geschäft zum Kauf anzubieten. Auf diese Weise hat z.B. Frau Elisabeth Hucks 1935 oder 1936 Wäsche für die Aussteuer ihrer Tochter Martha erworben.
1939 musste die Familie Jessel in das einem Juden gehörende Haus Güntherstraße 12 in Duisburg umziehen, das nur von Juden bewohnt war. Der heute in den USA lebende Friedhelm Hütten erinnert sich daran, dass er als Schüler gemeinsam mit seinem Vater, Hermann Hütten, Wanheim, Friemersheimer Straße 33, nachts mit einem Handwagen zur Güntherstraße gegangen ist, um Wertsachen der Familie Jessel nach Wanheim zu holen und in seinem Elternhaus zu verbergen. In dem "Judenhaus" an der Güntherstraße sollen wegen der großen Zahl der dort Untergebrachten beklagenswerte Wohnverhältnisse geherrscht haben. Die letzte Duisburger Wohnung der Familie Jessel befand sich in Meiderich, Baustraße 34/36.
Arnold Jessel ist ah 1939 zur Zwangsarbeit in Duisburg gezwungen worden. Mehrere Wanheimer berichten übereinstimmend, ihn in Arbeitskolonnen des Straßenbaus gesehen und gegrüßt zu haben. Herr Jessel bat jedoch, auf den Gruß zu verzichten und unauffällig weiterzugehen. Ähnliches wird auch von Frau Jessel und ihren zufälligen Begegnungen mit alten Bekannten aus Wanheim berichtet. Seit September 1941 mussten die Juden den sog. "Judenstern" tragen. Wanheimer haben dieses Kennzeichen auch an der Kleidung der Eheleute Jessel gesehen.
Ruth Jessel hat sich 1941 von Duisburg nach Mainz umgemeldet und dort einen Juden namens Waldmann geheiratet.
Leon Jessel wurde, wie bereits erwähnt, erstmals am 1. April 1933 verhaftet. Er ging 1935 nach Frankfurt, uni in einem der Familie bekannten Unternehmen eine Lehre im Ledergewerbe anzutreten. 1938 wurde er dort wiederum verhaftet und im November in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Von dort bat er Ende 1938 seine Mutter um die Zusendung von 20,- Mark und einer alten Decke. Zu jener Zeit waren dort ca. 13.000 Juden und 10.000 Deutsche inhaftiert. Wie Leon Jessel 1990 in Wanheim berichtete, hat ihm die im TV 1900 Wanheim erworbene physische Leistungsfähigkeit das Ertragen der unmenschlichen Haftbedingungen wesentlich erleichtert. Im Januar 1939 erlangte er die Freiheit wieder, weil sich ein ihm unbekanntes englisches Ehepaar bereit erklärt hatte, einen jungen deutschen Juden aufzunehmen. Mit einem am 27. Januar 1939 in Offenbach auf den Namen "Leonhard Israel Jessel" ausgestellten und mit einem großen roten "J" (für "Jude") besonders gekennzeichneten Reisepass konnte er Ende Februar 1939 Deutschland verlassen. Zwischen seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager und seiner Ausreise war er in Offenbach noch ca. 15mal vorübergehend inhaftiert worden. Sein persönliches Martyrium, das in Buchenwald schmerzliche Höhepunkte erreicht hatte, ging mit seiner Ausreise zu Ende, das Leid über den gewaltsam herbeigeführten Verlust aller Familienangehörigen stand ihm jedoch noch bevor.

Auf der Rückseite der Karte hatte Leon Jessel seiner Mutter folgendes mitgeteilt:
Liebe Mutti, ich sitze hier ein, und mir geht es gut. Ich habe vorläufig Postsperre. Anfragen an die Kommandantur sind zwecklos. Schicke mir bitte 20,-, denn Geldsendungen durch Postanweisung sind zulässig. Beachte bitte Ne.. & Block. Sende mir ebenfalls 1 alte Decke und 1 Paar derbe Stiefel. Füge jedoch keinen Brief bei. Herzliche Grüße Dein Sohn Leon

Das Schicksal von Ruth Jessel erfüllte sich bereits am 30. September 1942. Gemeinsam mit andern nach Polen deportierten Juden sperrte man sie in Piaski/Lublin in einer Holzbaracke ein, die anschließend angezündet und mit allen darin eingeschlossenen Menschen eingeäschert wurde.
Arnold und Martha Jessel wurden am 25. Juli 1942 von Duisburg aus nach Theresienstadt in Böhmen und von dort am 15. Mai 1944 nach Auschwitz in Polen gebracht, wo sie die "Endlösung" erwartete. Als Todesdatum wird der 1. November 1944 genannt, doch gibt es dafür keinen Beleg.
Leon Jessel hat im Juli 1945 die Familie Hütten in Wanheim aufgesucht und in Kaiserswerth den Familienbesitz beansprucht. Zum Dank für ihre Hilfsbereitschaft unterstützte er anschließend die Familie Hütten mehrfach durch Paketsendungen. Leon Jessel hat in England eine neue Heimat gefunden und dort eine Lederwarenfabrik gegründet, die inzwischen von seinem Sohn geleitet wird.
Leon Jessel verbrachte Mitte Mai 1990 auf Einladung des Duisburger Oberbürgermeisters Krings mehrere Tage in Duisburg. Am 15. Mai 1990 folgte er freundlicherweise einer Einladung des Heimat- und Bürgervereins Wanheim-Angerhausen e.V zu einem Gespräch in der Wohnung des Vorsitzenden Wilfried Hucks. An diesem Treffen haben auch mehrere ältere Wanheimer Bürger und der Verfasser teilgenommen. Es war ein zeitweise schwieriges Gespräch, das jedoch sowohl von Leon Jessel als auch von den übrigen Teilnehmern übereinstimmend als notwendig und nützlich eingeschätzt wurde. Herr Jessel äußerte sich dahingehend, dass Wanheimer Bürger der Familie Jessel zu keiner Zeit Schaden zugefügt hätten und erklärte sich gleichzeitig zur uneingeschränkten Mitarbeit an diesem Bericht bereit. Dafür sei ihm an dieser Stelle herzlich gedankt.
Nach unserer derzeitigen Kenntnis waren der Arbeiter Hermann Hütten und sein noch schulpflichtiger Sohn Friedhelm die einzigen Wanheimer Bürger, die unter Missachtung der für sie selbst damit verbundenen Gefahren der in größter Not geratenen Familie Jessel praktische Hilfe geleistet haben.