Loveparade 2010
Presbyterium fordert Übernahme von Verantwortung

Viel Wirbel hat die Stellungnahme ausgelöst, mit der sich das Wanheimer Presbyteriums Mitte Oktober an die Öffentlichkeit gewandt hat. Anlass war ein intensives Nachdenken über die Loveparade-Katastrophe und deren Folgen während des gemeinsamen Wochenendes. "Suchet der Stadt Bestes", dieser Bibelvers stand als Leitwort über der Tagung, an der insgesamt siebzehn Personen teilnahmen. Diese fassten am Ende der Diskussion den Entschluss, die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit über Zeitung und Internet öffentlich zu machen. Ein Presbyter übernahm die Aufgabe, die gesammelten Eindrücke, Fragen und Erwartungen zusammenzufassen.
Wenige Tage später gab eine Tageszeitung eine Kurzfassung wieder. Diese erhielt besondere Aufmerksamkeit dadurch, dass kurz zuvor dem Rat der Stadt die Unterschriftenlisten mit dem Begehren, ein Abwahlverfahren des Oberbürgermeisters in Gang zu setzen, übergeben worden waren.
Die Stellungnahmen, die anonym im Internet zu lesen waren, schwankten zwischen empörter Ablehnung und erfreuter Zustimmung zu der Wanheimer Erklärung. Dabei ließen viele das Anliegen des Presbyteriums vollkommen außer Acht: Dass diejenigen, die für die Katastrophe die Verantwortung tragen, endlich zu ihrer Verantwortung stehen.
In der Erklärung heißt es:
"Ein Jahr Loveparade - was empfinden wir heute? Die Erinnerung der unmittelbaren Zeugen ist frisch, und sie löst sich nur langsam von der beklemmenden Angst. Besonders die Angehörigen der Toten und Schwerverletzten leiden sehr, da ihnen aus Angst vor einem Schuldeingeständnis die mitfühlende Anteilnahme und die Übernahme von Verantwortung für das Geschehen verweigert wird. Dadurch kommen die Angehörigen der Toten und die durch die Katastrophe Traumatisierten nicht zur Ruhe. Wir teilen mit ihnen Trauer und Bestürzung sowie Fassungslosigkeit, Entsetzen und Wut. Die Wut richtet sich seit der beschämenden Pressekonferenz am Morgen nach der Katastrophe mit großer Wucht zunächst gegen Oberbürgermeister Sauerland und gegen die Hauptverantwortlichen beim Veranstalter, bei der Stadtverwaltung und der Polizei. Seit einem Jahr läuft diese Wut ins Leere, da alle Beteiligten die Verantwortung von sich weisen.
Herr Sauerland wollte die Loveparade und hat sich im besonderen Maße dafür stark gemacht. Es ist zu vermuten, dass er im Erfolgsfall keine Sekunde gezögert hätte, diesen Erfolg für sich zu reklamieren. Er trägt die politische Verantwortung für die Katastrophe. Der von ihm eingebrachte Begriff der "moralischen Verantwortung" trägt nicht. Denn dies ist eine Verantwortung ohne Konsequenzen. Die politische Verantwortung mit der Konsequenz seines Rücktritts zu übernehmen, dagegen wehrt sich Herr Sauerland bis heute. Solange er seine Verantwortung nicht wahrnimmt, werden alle Versuche scheitern, zur Normalität in dieser Stadt zurückzukehren. Mit seinem Verhalten torpediert Herr Sauerland alle Bemühungen, den Angehörigen der Opfer Frieden zu geben, er lässt seine Verwaltung im Regen stehen,
er verhindert, dass die Stadt Duisburg in die Zukunft schauen kann."
Der vollständige Text ist im Internet auf der Seite der Gemeinde zu finden.

 
Ein Jahr nach der Loveparade in Duisburg
Eine Zwischenbilanz des Presbyterium
der ev. Gemeinde Duisburg-Wanheim
 

Eingesperrt im Tunnel. Hitze, Biergestank, Schweiß und wellenartiges Gedränge. Angst. Tote. Stunden ohne Handyempfang, kein Kontakt. Krankenwagen. Das Ringen nach Fassung nach dem Unfassbaren. Szenen wie aus einem Krieg. Heil zu Hause, bitterliches Weinen.
Das Jahresgedenken im Wedaustadion ist noch in frischer Erinnerung; das Abwahlverfahren gegen Herrn Oberbürgermeister Sauerland teilt die Stadt. Die Diskussion um den Standort des Mahnmahles lösen Kontroversen aus, die die Stadt Duisburger nicht mehr steuern kann. Die Stadt und ihre Bürger leiden schwer an dem schier endlos schwelenden Geschwür.
Am 24. September 2011 kam das Presbyterium der evangelischen Gemeinde Wanheim in Weltersbach zusammen, um sich der Zwischenbilanz nach einem Jahr Loveparade-Katastrophe zu stellen. Dies geschah nicht als Betrachtung von außen, sondern als intensives Gespräch direkt Betroffener ob als Ratsherr, als städtischer Mitarbeiter oder gar als Zeugen der Katrastrohe im Tunnel. Sie alle gaben der gemeinsamen Suche nach einer Zwischenbilanz Sachverstand und vor allem Authentizität.
Ein Jahr Loveparade - was empfinden wir heute? Dier Erinnerung der unmittelbaren Zeugen der Katastrophe ist frisch, und sie löst sich nur sehr langsam von der beklemmenden Angst. Besonders die Angehörigen der Toten und Schwerverletzten leiden sehr, da Ihnen aus Angst vor einem Schuldeingeständnis die mitfühlende Anteilnahme und die Übernahme von Verantwortung für das Geschehen verweigert wird. Dadurch kommen die Angehörigen der Toten und die durch die Katastrophe Traumatisierten nicht zur Ruhe. Wir teilen mit ihnen Trauer und Bestürzung sowie Fassungslosigkeit, Entsetzen und Wut. Die Wut richtet sich seit der beschämenden Pressekonferenz am Morgen nach der Katastrophe mit großer Wucht zunächst gegen den Oberbürgermeister Sauerland und dann gegen die Hauptverantwortlichen beim Veranstalter, bei der Stadtverwaltung und der Polizei. Seit einem Jahr läuft diese Wut ins Leere, da alle Beteiligten die Verantwortung von sich weisen.
Kein Wunder also, dass die Fragen schwelen und immer bedrängender werden. War die Katastrophe Unglück oder Verbrechen? Der Veranstalter Schaller wollte Geld verdienen. Die Stadt, die Veranstalter der Ruhr 2010 und das Land NRW als Kulturstandort wollten sich mit dem neuen jungen Image schmücken. Warum hat der Rat der Stadt einmütig zugestimmt, wenn es doch so viele Bedenken gab? Hätte die Katastrophe verhindert werden können, wenn verantwortungsbewusste Menschen entschiedener aufgetreten wären? Letztlich befriedigende Antworten wird es wohl nie geben.
Es war sicher kein Verbrechen, denn dafür fehlt jeglicher Vorsatz. Aber es wurde das Knie vor den wirtschaftlichen und politischen Interessen zu leichtfertig gebeugt. Sicherheit war zunächst als Sicherheit vor den Teilnehmern der Loveparade geplant und nicht als Sicherheit für die Teilnehmer und Besucher. Zudem war die Loveparade in der Duisburger Bevölkerung und bei den Verantwortlichen in Stadtverwaltung, Feuerwehr und Polizei ein ungeliebtes, von außen aufgedrücktes Kind. Ein Merkmal ungeliebter Kinder ist schließlich die mangelnde Fürsorge der Verantwortlichen. Dennoch ist es wichtig festzuhalten, dass trotz aller Schwächen und Pannen die Katastrophe der Loveparade ein Unglück war und nicht ein von Menschen geschaffenes Verbrechen.
Nach einem Jahr: wie geht es mit Duisburg weiter? Viele Duisburger sehnen sich nach Normalität und hoffen, dass es mit der gelähmten Stadt endlich wieder aufwärts geht. Sie fragen sich, warum die Führungsebenen in Politik, Verwaltung und Polizei sich so schwer tun mit der Übernahme der Verantwortung. Solange dies nicht geschieht und stattdessen verzweifelt, ja manisch nach irgendwie Schuldigen gesucht wird, kommt Duisburg nicht voran. Den Schuldigen gibt es mit großer Sicherheit nicht. Viele, die im Umfeld der Loveparade ihren Dienst getan haben und nun den Untersuchungen der Staatsanwalt ausgesetzt sind, empfinden deren Suche nach strafrechtlicher Verantwortung als Hetze gegen das schwächste Glied. Niemand hat mehr Vertrauen, dass die Versuche der Staatsanwaltschaft oder gar der Medien, die individuelle Schuld zu klären, zu eindeutigen Ergebnissen führen werden. Zu offensichtlich werden die Aufklärungsversuche von Befangenheit und Parteilichkeit überschattet.
Die Erwartungen für die Zukunft sind daher bescheiden. Sicher, wir können und wir werden aus der Katastrophe lernen. Es gab technische Pannen in der Kommunikation und in der Überwachung, niemand würde wohl wieder solche Menschenmassen in einem Tunnel zusammentreiben. Auch die unselige Zuarbeit der Veranstalter zum Genehmigungsvorhaben und die politische Einmischung in ein solches Verfahren darf es nicht mehr geben.
Aber die wichtigste Botschaft für die Zukunft ist letztlich, dass Verantwortung auf allen Ebenen wahrgenommen werden muss. Bei der Wahrnehmung von Verantwortung schneiden die Menschen im Tunnel, die unter Einsatz ihres Lebens das Leben ihres Nachbarn geschützt und oft genug gerettet haben, sicher am besten ab. Der quasi unbeteiligte Duisburger Durchschnittsbürger, der der Loveparade mit ablehnendem Desinteresse begegnete, sollte sich mit vorschnellen Verantwortungsansprüchen oder gar Schuldsprüchen an Dritte zurückhalten, da auch er schließlich keine Verantwortung übernommen hat. Vorher dagegen zu sein, es aber erst nach der Katastrophe zu sagen, ist kein Zeichen von Verantwortung.
Weit schwieriger wiegen die Verantwortung und deren Beurteilung bei allen Personen, die im Umfeld der Loveparade gehandelt haben. Wichtig ist hierbei, die Kategorie der strafrechtlichen Schuld außen vor zu lassen. Es geht nicht um den Verstoß gegen ein Gesetz oder gegen ein Regelwerk; es geht um deren Auslegung. Und hier kommt den Leitungsebenen, die die Grundsätze der Auslegung bestimmen, besondere Bedeutung zu. Mit der Zunahme von Leitungsaufgaben wächst so die Verantwortung, ohne dass daraus eine unmittelbare strafbare Schuld abgeleitet werden kann. Geht es jedoch schief, ohne dass die in der Sache Handelnden sich eines groben Regelverstoßes oder gar einer Straftat schuldig gemacht haben, so ist die Leitung verantwortlich und muss daher in dieser Logik in schweren Fällen von ihren Leitungsaufgaben zurücktreten.
Dies gilt im ganz besonderen Maße für den Oberbürgermeister der Stadt Duisburg. Herr Sauerland wollte die Loveparade und er hat sich im besonderen Maße dafür stark gemacht. Es ist zu vermuten, dass er im Erfolgsfall keine Sekunde gezögert hätte, diesen Erfolg für sich zu reklamieren. Er trägt somit für die Katastrophe der Loveparade die politische Verantwortung. Der von ihm eingebrachte Begriff der moralischen Verantwortung trägt nicht. Er hat ihn definiert als eine Art politische Verantwortung light, nämlich als eine Verantwortung ohne Konsequenzen. Die politische Verantwortung mit der Konsequenz seines Rücktritts zu übernehmen, dagegen wehrt sich Herr Sauerland bis heute. Solange er seine Verantwortung nicht wahrnimmt, werden alle Versuche scheitern, zur Normalität in dieser Stadt zurückzukehren. Mit seinem Verhalten torpediert Herr Sauerland alle Bemühungen, den Angehörigen der Opfer Frieden zu geben, er lässt seine Verwaltung im Regen stehen, er verhindert, dass die Stadt Duisburg in die Zukunft schauen kann.
Deshalb kann es aus Sicht des Wanheimer Presbyteriums nur eine Konsequenz geben: Wenn Herr Sauerland nicht endlich freiwillig zurücktritt, muss er abgewählt werden.