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Viel Wirbel hat die Stellungnahme ausgelöst, mit
der sich das Wanheimer Presbyteriums Mitte Oktober an die Öffentlichkeit
gewandt hat. Anlass war ein intensives Nachdenken über die Loveparade-Katastrophe
und deren Folgen während des gemeinsamen Wochenendes. "Suchet
der Stadt Bestes", dieser Bibelvers stand als Leitwort über
der Tagung, an der insgesamt siebzehn Personen teilnahmen. Diese fassten
am Ende der Diskussion den Entschluss, die Ergebnisse der gemeinsamen
Arbeit über Zeitung und Internet öffentlich zu machen. Ein Presbyter
übernahm die Aufgabe, die gesammelten Eindrücke, Fragen und
Erwartungen zusammenzufassen.
Wenige Tage später gab eine Tageszeitung eine Kurzfassung wieder.
Diese erhielt besondere Aufmerksamkeit dadurch, dass kurz zuvor dem Rat
der Stadt die Unterschriftenlisten mit dem Begehren, ein Abwahlverfahren
des Oberbürgermeisters in Gang zu setzen, übergeben worden waren.
Die Stellungnahmen, die anonym im Internet zu lesen waren, schwankten
zwischen empörter Ablehnung und erfreuter Zustimmung zu der Wanheimer
Erklärung. Dabei ließen viele das Anliegen des Presbyteriums
vollkommen außer Acht: Dass diejenigen, die für die Katastrophe
die Verantwortung tragen, endlich zu ihrer Verantwortung stehen.
In der Erklärung heißt es:
"Ein Jahr Loveparade - was empfinden wir heute? Die Erinnerung der
unmittelbaren Zeugen ist frisch, und sie löst sich nur langsam von
der beklemmenden Angst. Besonders die Angehörigen der Toten und Schwerverletzten
leiden sehr, da ihnen aus Angst vor einem Schuldeingeständnis die
mitfühlende Anteilnahme und die Übernahme von Verantwortung
für das Geschehen verweigert wird. Dadurch kommen die Angehörigen
der Toten und die durch die Katastrophe Traumatisierten nicht zur Ruhe.
Wir teilen mit ihnen Trauer und Bestürzung sowie Fassungslosigkeit,
Entsetzen und Wut. Die Wut richtet sich seit der beschämenden Pressekonferenz
am Morgen nach der Katastrophe mit großer Wucht zunächst gegen
Oberbürgermeister Sauerland und gegen die Hauptverantwortlichen beim
Veranstalter, bei der Stadtverwaltung und der Polizei. Seit einem Jahr
läuft diese Wut ins Leere, da alle Beteiligten die Verantwortung
von sich weisen.
Herr Sauerland wollte die Loveparade und hat sich im besonderen Maße
dafür stark gemacht. Es ist zu vermuten, dass er im Erfolgsfall keine
Sekunde gezögert hätte, diesen Erfolg für sich zu reklamieren.
Er trägt die politische Verantwortung für die Katastrophe. Der
von ihm eingebrachte Begriff der "moralischen Verantwortung"
trägt nicht. Denn dies ist eine Verantwortung ohne Konsequenzen.
Die politische Verantwortung mit der Konsequenz seines Rücktritts
zu übernehmen, dagegen wehrt sich Herr Sauerland bis heute. Solange
er seine Verantwortung nicht wahrnimmt, werden alle Versuche scheitern,
zur Normalität in dieser Stadt zurückzukehren. Mit seinem Verhalten
torpediert Herr Sauerland alle Bemühungen, den Angehörigen der
Opfer Frieden zu geben, er lässt seine Verwaltung im Regen stehen,
er verhindert, dass die Stadt Duisburg in die Zukunft schauen kann."
Der vollständige Text ist im Internet auf der Seite der Gemeinde
zu finden.
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Eingesperrt im Tunnel. Hitze, Biergestank, Schweiß
und wellenartiges Gedränge. Angst. Tote. Stunden ohne Handyempfang,
kein Kontakt. Krankenwagen. Das Ringen nach Fassung nach dem Unfassbaren.
Szenen wie aus einem Krieg. Heil zu Hause, bitterliches Weinen.
Das Jahresgedenken im Wedaustadion ist noch in frischer Erinnerung; das
Abwahlverfahren gegen Herrn Oberbürgermeister Sauerland teilt die
Stadt. Die Diskussion um den Standort des Mahnmahles lösen Kontroversen
aus, die die Stadt Duisburger nicht mehr steuern kann. Die Stadt und ihre
Bürger leiden schwer an dem schier endlos schwelenden Geschwür.
Am 24. September 2011 kam das Presbyterium der evangelischen Gemeinde
Wanheim in Weltersbach zusammen, um sich der Zwischenbilanz nach einem
Jahr Loveparade-Katastrophe zu stellen. Dies geschah nicht als Betrachtung
von außen, sondern als intensives Gespräch direkt Betroffener
ob als Ratsherr, als städtischer Mitarbeiter oder gar als Zeugen
der Katrastrohe im Tunnel. Sie alle gaben der gemeinsamen Suche nach einer
Zwischenbilanz Sachverstand und vor allem Authentizität.
Ein Jahr Loveparade - was empfinden wir heute? Dier Erinnerung der unmittelbaren
Zeugen der Katastrophe ist frisch, und sie löst sich nur sehr langsam
von der beklemmenden Angst. Besonders die Angehörigen der Toten und
Schwerverletzten leiden sehr, da Ihnen aus Angst vor einem Schuldeingeständnis
die mitfühlende Anteilnahme und die Übernahme von Verantwortung
für das Geschehen verweigert wird. Dadurch kommen die Angehörigen
der Toten und die durch die Katastrophe Traumatisierten nicht zur Ruhe.
Wir teilen mit ihnen Trauer und Bestürzung sowie Fassungslosigkeit,
Entsetzen und Wut. Die Wut richtet sich seit der beschämenden Pressekonferenz
am Morgen nach der Katastrophe mit großer Wucht zunächst gegen
den Oberbürgermeister Sauerland und dann gegen die Hauptverantwortlichen
beim Veranstalter, bei der Stadtverwaltung und der Polizei. Seit einem
Jahr läuft diese Wut ins Leere, da alle Beteiligten die Verantwortung
von sich weisen.
Kein Wunder also, dass die Fragen schwelen und immer bedrängender
werden. War die Katastrophe Unglück oder Verbrechen? Der Veranstalter
Schaller wollte Geld verdienen. Die Stadt, die Veranstalter der Ruhr 2010
und das Land NRW als Kulturstandort wollten sich mit dem neuen jungen
Image schmücken. Warum hat der Rat der Stadt einmütig zugestimmt,
wenn es doch so viele Bedenken gab? Hätte die Katastrophe verhindert
werden können, wenn verantwortungsbewusste Menschen entschiedener
aufgetreten wären? Letztlich befriedigende Antworten wird es wohl
nie geben.
Es war sicher kein Verbrechen, denn dafür fehlt jeglicher Vorsatz.
Aber es wurde das Knie vor den wirtschaftlichen und politischen Interessen
zu leichtfertig gebeugt. Sicherheit war zunächst als Sicherheit vor
den Teilnehmern der Loveparade geplant und nicht als Sicherheit für
die Teilnehmer und Besucher. Zudem war die Loveparade in der Duisburger
Bevölkerung und bei den Verantwortlichen in Stadtverwaltung, Feuerwehr
und Polizei ein ungeliebtes, von außen aufgedrücktes Kind.
Ein Merkmal ungeliebter Kinder ist schließlich die mangelnde Fürsorge
der Verantwortlichen. Dennoch ist es wichtig festzuhalten, dass trotz
aller Schwächen und Pannen die Katastrophe der Loveparade ein Unglück
war und nicht ein von Menschen geschaffenes Verbrechen.
Nach einem Jahr: wie geht es mit Duisburg weiter? Viele Duisburger sehnen
sich nach Normalität und hoffen, dass es mit der gelähmten Stadt
endlich wieder aufwärts geht. Sie fragen sich, warum die Führungsebenen
in Politik, Verwaltung und Polizei sich so schwer tun mit der Übernahme
der Verantwortung. Solange dies nicht geschieht und stattdessen verzweifelt,
ja manisch nach irgendwie Schuldigen gesucht wird, kommt Duisburg nicht
voran. Den Schuldigen gibt es mit großer Sicherheit nicht. Viele,
die im Umfeld der Loveparade ihren Dienst getan haben und nun den Untersuchungen
der Staatsanwalt ausgesetzt sind, empfinden deren Suche nach strafrechtlicher
Verantwortung als Hetze gegen das schwächste Glied. Niemand hat mehr
Vertrauen, dass die Versuche der Staatsanwaltschaft oder gar der Medien,
die individuelle Schuld zu klären, zu eindeutigen Ergebnissen führen
werden. Zu offensichtlich werden die Aufklärungsversuche von Befangenheit
und Parteilichkeit überschattet.
Die Erwartungen für die Zukunft sind daher bescheiden. Sicher, wir
können und wir werden aus der Katastrophe lernen. Es gab technische
Pannen in der Kommunikation und in der Überwachung, niemand würde
wohl wieder solche Menschenmassen in einem Tunnel zusammentreiben. Auch
die unselige Zuarbeit der Veranstalter zum Genehmigungsvorhaben und die
politische Einmischung in ein solches Verfahren darf es nicht mehr geben.
Aber die wichtigste Botschaft für die Zukunft ist letztlich, dass
Verantwortung auf allen Ebenen wahrgenommen werden muss. Bei der Wahrnehmung
von Verantwortung schneiden die Menschen im Tunnel, die unter Einsatz
ihres Lebens das Leben ihres Nachbarn geschützt und oft genug gerettet
haben, sicher am besten ab. Der quasi unbeteiligte Duisburger Durchschnittsbürger,
der der Loveparade mit ablehnendem Desinteresse begegnete, sollte sich
mit vorschnellen Verantwortungsansprüchen oder gar Schuldsprüchen
an Dritte zurückhalten, da auch er schließlich keine Verantwortung
übernommen hat. Vorher dagegen zu sein, es aber erst nach der Katastrophe
zu sagen, ist kein Zeichen von Verantwortung.
Weit schwieriger wiegen die Verantwortung und deren Beurteilung bei allen
Personen, die im Umfeld der Loveparade gehandelt haben. Wichtig ist hierbei,
die Kategorie der strafrechtlichen Schuld außen vor zu lassen. Es
geht nicht um den Verstoß gegen ein Gesetz oder gegen ein Regelwerk;
es geht um deren Auslegung. Und hier kommt den Leitungsebenen, die die
Grundsätze der Auslegung bestimmen, besondere Bedeutung zu. Mit der
Zunahme von Leitungsaufgaben wächst so die Verantwortung, ohne dass
daraus eine unmittelbare strafbare Schuld abgeleitet werden kann. Geht
es jedoch schief, ohne dass die in der Sache Handelnden sich eines groben
Regelverstoßes oder gar einer Straftat schuldig gemacht haben, so
ist die Leitung verantwortlich und muss daher in dieser Logik in schweren
Fällen von ihren Leitungsaufgaben zurücktreten.
Dies gilt im ganz besonderen Maße für den Oberbürgermeister
der Stadt Duisburg. Herr Sauerland wollte die Loveparade und er hat sich
im besonderen Maße dafür stark gemacht. Es ist zu vermuten,
dass er im Erfolgsfall keine Sekunde gezögert hätte, diesen
Erfolg für sich zu reklamieren. Er trägt somit für die
Katastrophe der Loveparade die politische Verantwortung. Der von ihm eingebrachte
Begriff der moralischen Verantwortung trägt nicht. Er hat ihn definiert
als eine Art politische Verantwortung light, nämlich als eine Verantwortung
ohne Konsequenzen. Die politische Verantwortung mit der Konsequenz seines
Rücktritts zu übernehmen, dagegen wehrt sich Herr Sauerland
bis heute. Solange er seine Verantwortung nicht wahrnimmt, werden alle
Versuche scheitern, zur Normalität in dieser Stadt zurückzukehren.
Mit seinem Verhalten torpediert Herr Sauerland alle Bemühungen, den
Angehörigen der Opfer Frieden zu geben, er lässt seine Verwaltung
im Regen stehen, er verhindert, dass die Stadt Duisburg in die Zukunft
schauen kann.
Deshalb kann es aus Sicht des Wanheimer Presbyteriums nur eine Konsequenz
geben: Wenn Herr Sauerland nicht endlich freiwillig zurücktritt,
muss er abgewählt werden.
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